Freitag, 6. Mai 2011

Die Entdeckung der Langsamkeit


Belle Ile ist vermutlich - dem Namen nach zumindest - eine verflucht schöne Insel. Für mich ist sie in erster Linie verflucht, denn zwischen ihr und der Quiberon-Halbinsel scheint sich erstaunlich oft ein Nerven zermürbendendes Flautenloch zu bilden. Neulich, bei der Überführung von Rikki Tikki nach Lorient, paarte sich die Flaute nachts noch mit dichtestem Nebel, sodass meine beiden Mitsegler Thomas und Tobi gemeinsam mit mir nervös die Motorengeräusche um uns herum zu orten versuchten, die der Nebel vermutlich besonders gut transportierte und sehr nahe erscheinen ließ. Sie kamen immer wieder aus unterschiedlichen Richtungen, und da wir ohne Wind praktisch manövrierunfähig waren blieb uns nichts anderes als auf den Radar Echotransponder und die Durchgabe unserer Position per UKW-Funk zu vertrauen.
Die Franzosen nennen die Flaute "Pétole" und dieses Wort habe ich in den Tagen nach dem Pornichet Select Rennen besonders oft gehört, denn jeder der Teilnehmer musste sich mehrfach stundenlang gedulden bis es endlich wieder weiterging. Für etliche war das auch der Grund die Regatta abzubrechen. Das Wetter während des Rennens wurde von einem kleinen Tief südlich des Parcours bestimmt, das langsam in sich zerfallend nach Norden über uns hinwegzog, dabei für sehr variable Windverhältnisse sorgte und uns in der Nacht von Samstag auf Sonntag eine kleine Gewitterfront bescherte. Momente wie dieser haben etwas magisches, etwas überwältigendes, Eindrücke und Emotionen bombardieren einen von innen und außen und wollen sofort wieder aus einem heraussprudeln, aber es ist keiner da, mit dem man sie teilen kann. Das ist der große Nachteil des Abenteuers Einhandsegeln. Die Erlebnisse sind sicher besonders intensiv, aber man kann sie im Nachhinein nicht ansatzweise in Worte fassen und angemessen weitergeben. Das Gefühl der gemeinsamen Beklemmung der nach vielen Stunden immer noch dicht beieinander segelnden Minis unter Beobachtung der Wolkenformationen und -bewegungen, des Donnergrollens und der Blitze. Der Blick in die Ferne zu den anderen Booten: werden da Segel gewechselt, wird gerefft, irgendwelche anderen Anzeichen für starke Windänderungen? Die Frage: ist es eigentlich ein Vorteil, dass hier achtzig Blitzableiter eng beieinander stehen, im Sinne von sinkender Wahrscheinlichkeit, dass mein Boot getroffen wird? Wann fängt die Elektronik an zu spinnen, zeigt das GPS vielleicht keine Position mehr an? Dann der starke Regen, tropisch irgendwie, aber deutlich kälter. Um das Innere des Bootes einigermaßen trocken zu erhalten bleibe ich soweit es geht im Cockpit und lasse mich duschen. Die auf der Wasseroberfläche aufprallenden Tropfen und kleinen Hagelkörner verursachen ein fluoreszierendes Leuchten. Tolle Bilder, die ich leider nicht festhalten kann, und die mich aber auch all die nervenzerreibenden Stunden in der Flaute mit schlagenden Segeln vergessen lassen.
Nun aber etwas zur Beantwortung einer Frage, die sich zumindest diejenigen wohl gestellt haben, die die Regatta ein bisschen verfolgt haben. Wie kann es eigentlich sein, dass in einem Rennen über nur 300 Seemeilen zwischen der Zielankunft des ersten und des letzten Bootes über 40 Stunden liegen? Zum einen liegt es an der sehr unterschiedlichen Performance von Prototypen und Serienbooten, aber auch von neuen und älteren Prototypen. Die Protos verfügen über verschiedene Ballastsysteme (Schwenkkiel, Wasserballast), die es ermöglichen, bei viel Wind mehr aufrichtendes Moment zu erzeugen und außerdem bei sehr leichtem Wind einen guten "Leetrimm" zu machen. D.h. den Ballast auf die Seite zu bewegen, auf der die Segel stehen und damit etwas Schräglage zu erzeugen, sodass die Segel aufgrund der Schwerkraft in einer guten Position und in ihrer Flügelform bleiben anstatt hin und her zu schlagen und damit das Boot vollends zu stoppen. Hauptursache für die extreme Zeitspanne zwischen dem ersten und dem letzten war diesmal aber sicher das extrem instabile Wetter. Die Windrichtung drehte sich über die gesamte Zeit um etwa 720°, die Spitzengruppe konnte dem ersten Flautenfeld noch entwischen und hatte dann in der Folge die Bahnmarken zu günstigen Zeitpunkten erreicht. Der lange Weg von Belle Ile nach Ile d´Yeu war für die einen ein direkter Spinnakerkurs, für die anderen eine langatmige Kreuz. So war die Enttäuschung einiger Segler am Ende groß. Manche haben das Zeitlimit am Dienstag morgen um 7 Uhr nicht geschafft, was bedeutet, dass die gesegelten Meilen nicht für die Qualifikation zum Minitransat zählen und dass nun einige Minitransat-Projekte auf der Kippe stehen, denn Starterliste ist schon voll und die Warteliste füllt sich immer mehr.